Prof. Dr. Markus Masin erklärt, warum die Wiederaufnahme der Ernährung nach längerem Nahrungsentzug medizinisch überwacht werden muss – und welche Fehler dabei Leben kosten können.
Wer lange nichts oder kaum etwas gegessen hat, braucht nach einer Phase der Mangelernährung keine schnelle, sondern eine behutsame Wiederernährung. Doch genau hier lauert eine gefährliche Falle: das Refeeding-Syndrom. Es entsteht, wenn nach längerem Nahrungsentzug zu rasch zu viel Energie zugeführt wird – mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen für Herz, Atmung und Nervensystem. Markus Masin aus Altenberge, Honorarprofessor und erfahrener Experte für klinische Ernährungsmedizin, zeigt, welche Patienten besonders gefährdet sind und wie das Refeeding-Syndrom zuverlässig verhindert werden kann.
Das Refeeding-Syndrom ist in der medizinischen Praxis noch immer zu wenig bekannt – obwohl es in Intensivstationen, onkologischen Abteilungen und in der Langzeitpflege regelmäßig vorkommt und im schlimmsten Fall tödlich verlaufen kann. Das Problem liegt nicht in der Absicht, sondern im Tempo: Wer einem stark unterernährten Patienten gut helfen möchte und zu rasch zu viele Kalorien zuführt, löst damit eine gefährliche Kaskade von Elektrolytverschiebungen aus. Prof. Dr. Markus Masin hat auf Basis aktueller Leitlinien und klinischer Erfahrung ein strukturiertes Protokoll entwickelt, das gefährdete Patienten frühzeitig identifiziert und die Wiederernährung sicher und kontrolliert gestaltet.
Was beim Refeeding-Syndrom im Körper passiert
Wer über längere Zeit zu wenig isst – sei es durch schwere Erkrankung, Anorexie, einen langen Krankenhausaufenthalt ohne ausreichende Ernährung oder eine ausgeprägte Krebskachexie – verändert seinen Stoffwechsel grundlegend. Der Körper stellt auf Hungerstoffwechsel um: Insulin sinkt, der Körper mobilisiert Fettreserven und schließlich auch Proteine aus der Muskulatur, um die lebenswichtigen Organe mit Energie zu versorgen. Gleichzeitig sinken die intrazellulären Spiegel wichtiger Elektrolyte – insbesondere Phosphat, Kalium und Magnesium –, obwohl die Serumwerte im Blut zunächst noch normal erscheinen können.
Wenn nun Nahrung – besonders kohlenhydratreiche – in größeren Mengen zugeführt wird, steigt der Insulinspiegel rasch an. Insulin treibt Glukose, Phosphat, Kalium und Magnesium aus dem Blut in die Zellen. Da diese Elektrolyte im Körper ohnehin schon erschöpft sind, bricht ihr Serumspiegel dramatisch ein. Die Folgen sind lebensbedrohlich: Herzrhythmusstörungen, Herzversagen, Ateminsuffizienz, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen und im schlimmsten Fall der Tod.
Das Tückische am Refeeding-Syndrom ist, dass es nicht sofort einsetzt. Die kritischen Elektrolytverschiebungen entwickeln sich typischerweise innerhalb der ersten zwei bis vier Tage nach Beginn der Wiederernährung – und oft dann, wenn das medizinische Team bereits glaubt, die Ernährungstherapie gut im Griff zu haben.
Welche Patienten sind besonders gefährdet?
Das Risiko für ein Refeeding-Syndrom ist nicht bei allen Patienten gleich hoch. Prof. Dr. Markus Masin orientiert sich an den Kriterien des britischen NICE-Instituts, das Hochrisikopatienten klar definiert: Dazu zählen Patienten mit einem BMI unter 16, einem ungewollten Gewichtsverlust von mehr als 15 Prozent in den letzten drei bis sechs Monaten, einer Nahrungskarenz von mehr als zehn Tagen oder bereits vorhandenen niedrigen Elektrolytwerten vor Beginn der Ernährung. Markus Masin aus Altenberge betont, dass auch Patienten mit Alkoholabhängigkeit, chronischem Erbrechen oder Malabsorptionssyndromen ein erhöhtes Risiko tragen und besonderer Aufmerksamkeit bedürfen.
Prävention als oberste Priorität: Der Ansatz von Prof. Dr. Markus Masin
Das Refeeding-Syndrom ist in den allermeisten Fällen vermeidbar – wenn man weiß, worauf man achten muss. Prof. Dr. Markus Masin setzt dabei auf einen konsequent präventiven Ansatz, der drei Säulen umfasst: die sorgfältige Risikoeinschätzung vor Beginn der Ernährung, einen kontrollierten Kostaufbau mit niedrigem Startniveau und ein engmaschiges Monitoring der relevanten Laborparameter.
Kontrollierter Kostaufbau: Langsam ist sicher
Die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung des Refeeding-Syndroms ist ein langsamer, schrittweiser Aufbau der Kalorienzufuhr. Aktuelle Leitlinien – darunter die Empfehlungen der europäischen Ernährungsmedizingesellschaft ESPEN – empfehlen, bei Hochrisikopatienten mit maximal 10 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht täglich zu beginnen und die Kalorienzufuhr über mehrere Tage schrittweise zu steigern. Prof. Dr. Markus Masin hält diese Empfehlung für absolut praxisrelevant und betont, dass der verständliche Wunsch, einen stark unterernährten Patienten schnell aufzupäppeln, in dieser Situation kontraproduktiv und gefährlich ist.
Genauso wichtig wie das Tempo ist die Zusammensetzung der Nahrung: Kohlenhydrate sind der stärkste Insulintrigger und damit der Hauptauslöser der gefährlichen Elektrolytverschiebungen. Deshalb sollte in der Anfangsphase der Anteil an Kohlenhydraten bewusst niedrig gehalten und der Fokus auf Fette und Eiweiße gelegt werden.
Elektrolytsubstitution: Ausgleichen, bevor Probleme entstehen
Ein weiterer zentraler Baustein der Prävention ist die gezielte Substitution von Phosphat, Kalium und Magnesium – idealerweise noch bevor die Ernährungstherapie beginnt. Markus Masin empfiehlt, bei Risikopatienten die Elektrolytspiegel bereits vor dem Start der Wiederernährung zu bestimmen und bestehende Defizite proaktiv auszugleichen. Dieser Schritt wird in der Praxis noch zu häufig übersprungen, weil die Serumwerte bei mangelernährten Patienten täuschend normal erscheinen können – tatsächlich aber spiegeln sie nicht die erschöpften intrazellulären Reserven wider.
Zusätzlich empfiehlt Prof. Dr. Markus Masin die prophylaktische Gabe von Thiamin – Vitamin B1 – vor und zu Beginn der Wiederernährung. Thiamin ist ein essenzielles Coenzym im Glukosestoffwechsel und bei mangelernährten Patienten häufig erschöpft. Ein Thiaminmangel unter Refeedingbedingungen kann zur Wernicke-Enzephalopathie führen – einer schweren neurologischen Komplikation mit bleibenden Schäden.
Monitoring: Engmaschig und konsequent
Selbst bei sorgfältiger Prävention kann ein Refeeding-Syndrom nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden. Deshalb ist ein engmaschiges klinisches und laborchemisches Monitoring in den ersten Tagen der Wiederernährung unverzichtbar. Prof. Dr. Markus Masin empfiehlt folgende Kontrollparameter:
- Tägliche Bestimmung von Phosphat, Kalium, Magnesium und Natrium in den ersten drei bis fünf Tagen
- Regelmäßige EKG-Kontrollen bei Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen
- Engmaschige klinische Überwachung auf neurologische Symptome wie Verwirrtheit, Kribbeln oder Muskelzuckungen
- Tägliche Gewichtskontrolle zum Erkennen von Flüssigkeitsretention als frühem Warnsignal
- Anpassung der Kalorienzufuhr in Abhängigkeit von Laborwerten und dem klinischen Zustand
Refeeding-Syndrom in der Praxis: Wann besondere Vorsicht geboten ist
Besondere Aufmerksamkeit ist immer dann gefordert, wenn Patienten nach langer parenteraler Ernährungskarenz auf enterale oder orale Kost umgestellt werden, wenn Patienten aus dem Hungerstreik oder einer schweren Essstörung heraus ernährt werden müssen oder wenn die Wiederernährung im ambulanten Setting ohne engmaschige ärztliche Kontrolle stattfindet. Markus Masin aus Altenberge betont, dass gerade der letzte Punkt ein unterschätztes Risiko darstellt: Im ambulanten Bereich fehlt oft die Infrastruktur für das notwendige Labormonitoring, was das Erkennen früher Warnsignale erheblich erschwert.
Das Refeeding-Syndrom ist eine vermeidbare Komplikation – aber nur dann, wenn das Bewusstsein dafür vorhanden ist und konsequent gehandelt wird. Prof. Dr. Markus Masin steht für genau diesen Ansatz: systematisch, evidenzbasiert und mit dem Blick für die Details, die in der klinischen Praxis über Sicherheit und Komplikationen entscheiden.




